Jüdisches Leben – Vortrag und Ausstellung
Dr. Imhof hält Vortrag zur Ausstellung beim UNESCO-Biosphärenreservat Rhön
400 Jahre jüdisches Leben in der Rhön
Rhön, 10.03.2026 – In seinem Vortrag „Gegen das Vergessen – 400 Jahre jüdisches Leben in der Rhön“ informierte Dr. Michael Imhof über seine langjährigen Forschungsergebnisse. Eindrucksvoll zeigte er auf, wie sehr jüdische Mitbürger das kulturelle und wirtschaftliche Zusammenleben in der Rhön mitgeprägt haben. Deutlich wurde aber auch, dass die Juden in Europa und so auch in der Rhön oft zum Spielball politischer und wirtschaftlicher Interessen wurden. Mal förderten Landesfürsten und Adel die jüdischen Bürger, mal waren sie Sündenböcke und Opfer von Verschwörungstheorien und Missgunst.
Heute finden wir als Ergebnis des Holocaust nur noch wenige Zeugnisse jüdischen Lebens in der Rhön. Geblieben sind jüdische Friedhöfe, wenige Synagogen und Schulen sowie einige Relikte wie z. B. typische Hauseingänge. Dabei hatte die Rhön eine bemerkenswerte Dichte an jüdischer Besiedelung. Dank des Schutzes des Adels waren Wüstensachsen, Tann und Gersfeld schon früh Fluchtorte für Juden, wenngleich sie auch dort immer eine verschwindende Minderheit waren.
Nachweislich gab es bereits 321 n. Chr. im römischen Reich nördlich der Alpen Juden, die als römische Staatsbürger anerkannt waren. Im Mittelalter kam es, in Zusammenhang mit den Kreuzzügen und der Pest immer wieder zu Prognomen und Vertreibungen. Im Bistum Fulda wurden nachweislich 1671 Juden ihres Eigentums beraubt und vertrieben. Quasi gleichzeitig gab es aber auch weit gereiste und gebildete Adelige wie Freiherr Heinrich von der Tann, der gezielt die Ansiedlung förderte und Schutz bot. Im Gegenzug zahlten die Juden nicht unerhebliche Steuern. Imhof gab aber auch zu bedenken, dass ein Großteil der Juden im ländlichen Raum arm war und nur wenige Familien zu Wohlstand gekommen sind. Eine Ursache hierfür war, dass Juden nur auf wenigen Geschäftsfeldern aktiv werden konnten und die christlichen Zünfte z. B. den Zugang zu den Handwerksberufen versagte.
Große Umbrüche brachte die Französische Revolution mit sich, die auch die Gleichberechtigung der Juden förderte. Allerdings setze mit dem Wiener Kongress 1817 auch wieder eine Gegenbewegung ein.
Mit den großen Auswandererbewegungen ab 1850 verließen auch viele Juden Deutschland und die Rhön. Teilweise halbierten sich dadurch die hiesigen jüdischen Gemeinden. Um 1900 zeigt sich wieder ein anderes Bild: jüdische Händler haben Geschäfte am Marktplatz in Tann, in Gersfeld betrieb eine Familie eine kleine Tabakwarenfabrik. Eine andere hatte eine Metzgerei mit Pension. Erste jüdische Kaufhäuser boten eine breite Warenpalette und die Möglichkeit der Katalogbestellung an. Auch setzten sich jüdische Bürger massiv für den Bau der Bahnlinie durch Ulstertal ein. Allerdings erstarkte in dieser Zeit auch der Antisemitismus, wie damalige Reichstagswahlen belegen. Die pseudowissenschaftliche Rassenlehre gewann immer mehr Anhänger. Mit Hitlers Machtergreifung kam es endgültig zum Dammbruch. Juden wurden zunächst drangsaliert, dann die Geschäfte boykottiert. Mit der Pogromnacht und dem Brand vieler Synagogen, Berufsverboten und schließlich der Deportationen nahm der Völkermord seinen Lauf. Rund die Hälfte der jüdischen Bevölkerung der Rhön wurde in Konzentrationslagern umgebracht.
Dr. Imhof erinnerte auch an die Helden der damaligen Zeit, die Juden z. B. zur Flucht verhalfen. Beispielhaft nannte er Elli Wilde aus Gersfeld, Franz Josef Röder aus Wüstensachsen und den überregional bekannten Wilm Hosenfeld.
Umso bedenklicher und besorgniserregender sieht der Pädagoge das heutige Widererstarken der politischen Rechten mit ihren menschenverachtenden Reden und Hetzkampagnen gegen Minderheiten.
Die überaus detaillierten Forschungsergebnisse von Dr. Imhof lassen sich in dem erneut aufgelegten Buch „Juden in der Rhön“, erschienen im Imhof-Verlag, nachlesen.
Ergänzt wird der Vortrag durch eine Ausstellung, die noch bis Ende März in den Räumlichkeiten des Biosphärenreservats zu sehen ist.
Foto 1: Dr. Imhof – Ausstellung 400 Jahre Juden in der Rhön und Besucher der Infostelle zum Vortrag. /Foto: Martin Kremer
