Wie viel Geschichte steckt in einer einzigen Rhöner Hutebuche? 1.300 Mikrohabitate erzählen vom Leben beeindruckender Baumgestalten
Lebendige Zeugen einer vergangenen Kulturlandschaft
Rhön, 27.03.2026 – Still stehen sie da, verwachsen, knorrig, vom Wind gezeichnet – und doch voller Leben: Die alten Hutebuchen der Rhön. Wer genauer hinschaut, erkennt nicht nur beeindruckende Baumgestalten, sondern jahrhundertelange Kulturgeschichte und eine faszinierende Vielfalt an Lebensräumen. Genau dieser Mischung widmete sich Fiona Purucker in ihrem Vortrag, zu dem die Hessische Verwaltungsstelle des UNESCO-Biosphärenreservats Rhön und der Verein Natur- und Lebensraum Rhön eingeladen hatten. Über 30 Interessierte waren gekommen, um in das Leben der faszinierenden Baumriesen einzutauchen.
In ihrem Vortrag ging die Referentin zunächst auf die Geschichte der Hutungen ein, welche früher wesentlich größer waren, bis an die Ortschaften heranreichten und Gemeinschaftseigentum waren.
Rhönhutungen im Wandel der Zeiten
Viehhirten trieben noch vor 100 Jahren täglich das Vieh auf die kargen und steinigen Weideflächen. In den 1930er sollten die Erträge angehoben werden und im Zuge des Rhönaufbauplans der Nationalsozialisten kam es zur großflächigen Entsteinung der Huten. Alte Luftbilder von damals zeigen: die Hutungen waren wesentlich ausgeräumter als heute. Es gab kaum Gebüsche und nur die markanten Hutebuchen prägten die Weiden. Nach dem Krieg kam die Koppelhaltung auf und teilweise wurden die Hutungen ganzjährig als Jungviehweiden genutzt. Die Weidewirtschaft änderte sich. Was blieb waren die kargen, artenreichen Bergweiden.
Ohne Weidevieh keine Hutebuchen
Für das Vieh sind die Hutebuchen und Bergahorne Wetter- und Sonnenschutz und in Teilen auch Nahrung. Von letzterem zeugen die vielen Verwachsungen und Knollen in den unteren Stammbereichen. Neben Wind und Wetter haben permanenter Viehverbiss den oft mehrstämmig ineinander verwachsenen Solitärbäumen ihr typisches Aussehen verliehen. Auffallend sind dabei auch die großen Stammumfänge von bis zu 6,30m in Brusthöhe bei vergleichsweise niedriger Wuchshöhe der Bäume.
Alte Hutebäume bieten vielfältigen Lebensraum
Purucker hat im Rahmen ihrer Arbeit die Bäume hinsichtlich ihrer Mikrohabitate untersucht. Als solche Kleinstlebensräume gelten zum Beispiel Höhlen, Stammverletzungen mit freiliegendem Splint- und Kernholz, Totholz in den Kronen, Wucherungen und Knollen, Pilzbefall, Bewuchs mit Parasiten wie Misteln oder auch Saftflüsse. Gerade an alten Hutebuchen sind solche Mikrohabitate vielfältig. Auf den 33 Hutebäumen erfasste Purucker über 1.300 Mikrohabitate. Auf einer einzelnen Buche waren es sogar knapp hundert Habitate – wertvolle Lebensräume für Vögel und Insekten!
Nachpflanzungen sind erforderlich
Die Arbeit dokumentiert auch, dass viele dieser sehr alten Baumveteranen vermutlich bald ihr Lebensende erreichen werden. Klimawandel und Trockenheit machen den Bäumen zusätzlich zu schaffen. Die Referentin empfahl Nachpflanzungen, die aber in den ersten Jahren vor Wild- und Weideviehverbiss geschützt werden müssen. Auch wurde angeraten, jeweils mehrere Bäume nahe beieinander zu pflanzen, um ein langfristiges Zusammenwachsen zu ermöglichen. Nur so kann es gelingen, dass es auch in Zukunft noch markante Hutebäume geben wird, die so charakteristisch für die Kulturlandschaft der Rhön sind.
Vortrag verpasst?
Wer nicht dabei sein konnte oder tiefer in das Thema eintauchen möchte, hat erneut Gelegenheit dazu: Fiona Purucker wird die faszinierende Welt der Hutebuchen bei der länderübergreifenden Biosphärentagung am 30.10. in Hilders noch einmal aufgreifen und weiter vertiefen.
Das UNESCO-Biosphärenreservat Rhön per App erkunden
Mit der App „Biosphärenreservat Rhön“ lässt sich das länderübergreifende UNESCO-Biosphärenreservat bequem und digital entdecken. Eine 3D-Karte bietet Touren- und Ausflugstipps, ein Routing-Tool zeichnet Wander- und Radwege auf. Die App liefert wertvolle Infos zur Rhöner Natur, Verhaltenstipps sowie ein „Virtuelles Panorama“ für einen Rundumblick – auch im Offline-Modus verfügbar. Die kostenlose App ist für iPhones und Android-Geräte in den App-Stores erhältlich.
Foto 1: Die zahlreichen Hutebuchen der Rhön bieten vielen Arten wertvollen Lebensraum. / Foto: Arnulf Müller
